Sei perfekt unperfekt.

Kategorie: Meine Geschichte

Das Burnout

Zwei Tage nach dem Zusammenbruch an meinem Geburtstag, ging ich zu meinem Hausarzt. Ich sagte, dass ich immer wieder Schwindelgefühle habe. Nach ein paar Tests saß ich dann im Sprechzimmer. Meine Hausärztin betrachtete mich kurz und fing an ein paar Fragen zu stellen. Es waren ganz einfache normale Fragen, wie: schlafen Sie durch? Essen Sie genug? Haben Sie Stress? Sie sah mich mitfühlend an, wie es meine Mutter auch manchmal macht. Was war nur los?

Die Wahrheit

Mir schnellten die Tränen in die Augen und ich begann zu erzählen. Zwischendurch brach mir die Stimme. Sie drückt mir eine Krankschreibung in die Hand und bat mich in zwei Wochen nochmal zu kommen. Zuhause meldete ich mich krank und schrieb an meine Freunde und meiner Familie die selbe Nachricht: „Es tut mir Leid, mir geht es nicht gut. Ich brauche eine Pause. Bitte respektiere das und sorge dich nicht. Ich melde mich bei dir, wenn ich soweit bin.“ Ich hatte versagt. Ich bin eingebrochen. Davor hatte ich immer die meiste Angst.

Erholung

Danach kroch ich zurück ins Bett und schlief. Ich schlief und weinte vier Tage lang. Als ich wieder etwas Energie gesammelt hatte, stand ich auf und duschte. Ich setzte mich auf den Balkon und ging die Nachrichten durch. Ich beantwortete nur ein paar davon. Zu mehr reichte die Kraft nicht. Nach den zwei Wochen war ich wieder bei meiner Ärztin. Sie war froh mich zu sehen. Sie schrieb mich weiter krank und fragte vorsichtig, ob ich denn in den letzten Tagen überlegt hätte, mir Hilfe zu holen. Soweit war ich noch nicht. Ich war noch zu erschöpft, zu leer, zu müde, um mir Gedanken zu machen. Ab und zu dachte ich an die Arbeit, an meinen Kollegen, der jetzt alles alleine stemmen muss… Dann weinte ich wieder. Ich fühlte mich nutzlos, schwach und überflüssig. Ich hatte versagt.

Die Rückkehr

Auch die nächsten zwei Wochen vergingen sehr schnell. Ich begann Freunde und Familie anzurufen, die Situation zu erklären, mein Versagen und meine Schwäche zuzugeben. Und ich traf auf… Verständnis! Die meisten haben es kommen sehen, keiner war verwundert. Außer mir. Ich war immun gegen Hilfe und erst jetzt bereit diese anzunehmen. Auch jetzt beim Schreiben kommen mir wieder Tränen. Tränen der Dankbarkeit für diese wunderbaren Menschen, die mich so sehr lieben und unterstützen. Ich hörte ganz oft den Satz: „Bitte lass mich jetzt dir etwas zurückgeben und für dich da sein.“

Insgesamt war ich sechs Wochen krank geschrieben. In den sechs Wochen hat sich viel verändert. Meine Schutzmauern sind nur noch Ruinen. Ich habe gemerkt, dass „Versagen“ alles andere als schlimm ist, dass ich nicht perfekt sein muss und dass ich Fehler machen darf. Dass ich Hilfe annehmen darf, dass ich nicht alleine bin und dass ich stärker bin, als ich dachte. Ich freute mich darauf wieder auf die Arbeit zu können, hatte aber gleichzeitig Angst davor. Angst zu den Kunden-Vampiren zurückzukommen, die meine Energie aussaugen. Angst davor, was die Kollegen denken. Angst vor den Fragen und Reaktionen. Angst vor dem überfüllten E-Mail-Postfach,…. Angst vor dem Hamsterrad.

Wie bin ich hier nur gelandet?

Sturz in den Abgrund

Fünf Jahre lang bin ich auf den Abgrund zugesteuert und habe mich immer wieder fangen können. Bis zu meinem 29. Geburtstag. Dann kam der Sturz in den Abgrund und nichts und niemand konnte mich mehr davon abhalten. Auch konnte mich keiner auffangen – außer mir selbst.

Der Weg zum Abgrund

Traumjob oder Albtraum?

Ich hatte ein Praktikum nach dem Studium beendet und war jetzt auf Jobsuche. Die letzten Wochen war ich arbeitslos gemeldet und habe Arbeitslosengeld 2 bezogen. Ich war ziemlich verzweifelt und verloren und habe mich dementsprechend der Situation angepasst. Ich war Harzer, warum nicht auch nach dem Klischee handeln? Feiern bis morgens, ausschlafen bis zum Nachmittag, Stellensuche, Bewerbung schreiben, fertig machen und auf ins Nachtleben,…. Es war ein Teufelskreis und ich habe mich meinem Bild von einer Arbeitslosen angepasst. Natürlich war mir bewusst, dass ich mich nicht so gehen lassen sollte und selbst für mein Tun verantwortlich bin.

Nach zwei Monaten Suche, einigen Bewerbungsgesprächen und etlichen Absagen war es so weit: ich hatte ein Vorstellungsgespräch zur Account Managerin, welches ziemlich gut lief und bei dem ich ein richtig gutes Gefühl hatte. Dementsprechend habe ich mich auch gefreut, als der Anruf mit der Zusage kam. Nach ein paar Verhandlungen bezüglich Gehalt habe ich zugestimmt und direkt in der nächsten Woche angefangen. Mir war klar, dass ich unterbezahlt werde, viel verlangt wird und ich auch viel auf mich allein gestellt sein werde – immerhin war es ja ein Start-up. Aber gleichzeitig würde ich viel Verantwortung tragen, kann Ideen einbringen und zeigen was ich drauf habe!

Die ersten Monate dachte ich, ich hätte einen Traumjob gefunden. Die Kollegen waren super und ich habe mich mit allen sehr gut verstanden. Ok die Anrufe der Kunden während man etwas anderes tat waren etwas störend, aber gehört eben dazu. Auch, dass man regelmäßig Überstunden macht – die anderen bleiben ja auch noch da. Ich gab 120% und ging komplett in meinem Beruf auf. Ich liebte die Herausforderungen, den Wettbewerb und den Teamgeist. Dieser positive Stress, das Gefühl wichtig zu sein und natürlich einen Job zu haben, trieben mich immer weiter an. Auch nach der Arbeit saßen wir oft noch zusammen, haben über Gott und die Welt (hauptsächlich unsere Arbeit) gesprochen und ein bis drei Bierchen getrunken. Jeder, der diesen Start-up Spirit schon einmal erlebt hat, weiß sicher genau wovon ich spreche. So lässt man sich immer tiefer in den Sog ziehen und wird immer blinder für die Realität.

Wie es der Zufall wollte, bekam ich nach vier Monaten zusätzlich auch noch ein neues, wichtiges Projekt zugeteilt. Ein neues Sofware-Produkt! Meine Aufgabe war es Prozesse dazu auszuarbeiten, zu überlegen, wie man es den Kunden am Besten erklärt, erster Ansprechpartner bei Fragen zu sein und mich intensiv mit unserem Partnerunternehmen auszutauschen. Ich möchte dich nicht weiter mit Details bequatschen – kurz: mein Wunsch wurde wahr! Ich war nun mehr oder weniger komplett auf mich alleine gestellt und habe natürlich wieder volle Power gegeben. Dass mein Sozialleben darunter litt, war mir erstmal nicht so wichtig. Immerhin hatte ich jetzt mehr Verantwortung und eine neue Priorität.

Was mir nicht klar war, als man mir das Angebot machte, die Stelle zu übernehmen und ich natürlich hoch erfreut angenommen habe: meinen normalen Job sollte ich trotzdem weiter ausüben. Ja, du hast es richtig gelesen – ich hatte jetzt zwei Jobs parallel. Wie du dir vorstellen kannst lief das nicht lange gut. Nachdem ich immer wieder betont habe, dass ich das so nicht mehr stemmen kann, hat man mich gnädigerweise nach und nach von meinen alten Aufgaben abgezogen, damit ich neue übernehmen konnte.

Das heißt: ich war quasi raus aus meinem alten Team. Durch den Wachstum der Firma, kamen natürlich auch nach und nach neue Mitarbeiter dazu und es haben sich Grüppchen und leider auch eine Hackordnung gebildet. Ich kam mir irgendwann wieder vor wie in der Schule. Es wurden neue Bonussysteme eingeführt, die den Teamgeist zerstört haben, wodurch sich die Stimmung nach und nach immer mehr veränderte. Motivationssprüche wurden zu leeren Floskeln. Es wurde teils gegeneinander statt miteinander gearbeitet. Gehälter wurden nicht mehr pünktlich bezahlt, die Gehaltsverhandlungen und Feedback-Gespräche waren ein Scherz und ich war mittlerweile chronisch überarbeitet. Nach zweimonatigem Kampf bekam ich endlich Unterstützung und war nun selbst verantwortlich für ein kleines Team.

Natürlich hatte ich keinerlei Führungserfahrung und leider auch keinen richtigen Ansprechpartner bzw. keine Person, die ich mir als Vorbild nehmen konnte. Ich wusste allerdings, wie ich nicht führen wollte… Also habe ich mich selbst versucht in die neue Rolle einzufügen und bin dabei sehr angeeckt. Man drängte mich dazu mich für einen Führungsstil zu entscheiden. Ich weigerte mich. Auch jetzt bin ich noch der Überzeugung, dass man in einem Team nicht alle Personen gleich leiten kann. Jeder hat seinen eigenen Charakter und demnach muss man den einen eben strenger behandeln, den anderen mehr kontrollieren, der nächste braucht Freiraum und ein anderen Vorgaben bis ins kleinste Detail,…. Somit ergab sich jetzt folgendes Problem: die anderen Führungskräfte akzeptierten meinen Führungsstil nicht, meine Vorgesetzten setzten mich mit unrealistischen Vorgaben und Zielen unter Druck und mein Team hat meine Unerfahrenheit teils natürlich ausgenutzt.

Neben der Teamführung war ich selber dann auch noch im Tagesgeschäft wie ein normaler Vollzeit-Mitarbeiter tätig. Ich hatte also wieder zwei Jobs parallel. Ich begann die Arbeit also auch mit nach Hause zu nehmen. Während ich meine Freunde traf, war ich gedanklich bei der Arbeit, checkte unterbewusst sogar manchmal E-Mails und hatte auch kein anderes Gesprächsthema mehr. Mein Lebensinhalt war die Arbeit und mein Projekt. So hat sich nach und nach dann auch mein Freundeskreis verändert. Er bestand hauptsächlich noch aus Arbeitskollegen. Ich kann jeden verstehen, der sich damals abgewandt hat und genervt war. Für Kritik oder Ratschläge war ich taub. Die Person wusste ja nicht wie es mir geht und wovon sie da überhaupt spricht…

Das ganze zog sich insgesamt fast zwei Jahre. Ich rutschte immer tiefer in den Strudel, war immer häufiger krank, habe an den Wochenenden gearbeitet, mir kaum Auszeiten gegönnt. In meiner „Freizeit“ habe ich viel getrunken und gefeiert, krampfhaft versucht meinen Kopf auszuschalten und die Müdigkeit und schlechten Gedanken zu verdrängen. Ich wurde immer negativer, unzufriedener und gestresster. Bei Kleinigkeiten ging ich an die Decke. An Weihnachten saß ich eine Woche lang mit Fieber im Büro, weil ich meinem Kollegen frei gegeben hatte und sonst niemand die Arbeit übernehmen konnte. Ich habe meine ganze Energie und mein Herzblut in das Projekt gesteckt.

Immer wieder habe ich gesagt, dass ich kündigen muss, dass ich so nicht mehr weitermachen kann. Aber ich habe es nie getan. Wer sollte sich denn sonst um mein Team kümmern? Ich kann sie doch nicht einfach so hängen lassen. Auch mehr Gehalt und Ausgleichstage für Wochenendarbeiten haben den Reiz für mich verloren. Ich konnte sowieso nicht länger als eine Woche frei nehmen, weil sonst alles zusammengebrochen wäre – zumindest redete ich mir das ein.

Die Erlösung

Nach zwei Jahren war es dann soweit: das Projekt wurde eingestampft. Ich war frei. Und ich bin trotzdem geblieben. Nach all den Enttäuschungen, all der angestauten Wut, zu vielen leeren Versprechungen und der Ausbeutung, hatte ich immer noch nicht die Kraft zu gehen. Ich brauchte noch zwei weitere Monate bis ich endlich den Schlussstrich ziehen konnte und gekündigt habe. Ich klammerte mich so an den schönen Erlebnissen, den Kollegen, der Verantwortung fest, dass ich einfach nicht mehr loslassen konnte. Das Projekt war für mich wie ein eigenes Kind – und so lebte ich dann auch. Ich habe gekündigt, obwohl ich keinen anderen Job hatte. Ich hatte keine Energie mehr, keine Kraft, kaum noch Emotionen. Ich war nur noch eine Hülle und das wusste ich auch.

Ich hatte sowieso einen Monat Resturlaub und daher genug Zeit, mir etwas neues zu suchen. Der Monat war schnell vorbei – die meiste Zeit habe ich geschlafen und entspannt. Bereits vor meiner offiziellen Kündigung hat mich ein Ex-Kollege angeschrieben, dass er eine super Stelle für mich hätte, ob ich denn nicht mal vorbeikommen wollte.

Da ich ja nichts zu tun bzw zu verlieren hatte, besuchte ich ihn und war total begeistert: alle super nett und aufgeschlossen. Ein respektvoller Umgang, ein junges Team, sehr sympathische Gründer (ja klar war das wieder ein Start-up, was dachtest du denn?), ein kuscheliges Büro 15 Minuten zu Fuß von meiner Wohnung weg,….

Und täglich grüßt das Murmeltier…

Ich nahm die Stelle an. Sicher verdiente ich weniger als zuvor, es ist ja ein kleines Start-up. Ich wurde eingestellt mit dem Ziel, den Onboarding-Bereich für die Kunden aufzubauen und zu betreuen. Man wollte den Bereich auch schnell weiter ausbauen, das heißt man stellte mir direkt eine Beförderung in Aussicht. Denkst du ich hätte dazugelernt? Genau: nein! Ich glaubt den ganzen tollen Versprechungen und ließ mich wieder vom Start-Up-Schimmer blenden. Ich hatte im Kopf wie wunderbar meine Anfangszeit im letzten Unternehmen war und wollte genau das wiederhaben. Und ich verrate dir: es war noch viel besser!

Schnell habe ich mich wieder mit Kollegen angefreundet, obwohl ich dieses Mal Arbeit und Beruf strikt trennen wollte. Ich habe direkt wieder Gas gegeben – aber mich an die Arbeitszeiten gehalten. Hier war auch alles geregelter. Ja natürlich hat man nach Start-up Manier auch abends zusammen ein Bierchen getrunken. Aber nur eins und danach sind alle spätestens um halb 7 nach Hause. Es war eine wunderbare Zeit. Ich hatte viel Freiraum, genoss das Vertrauen und den Respekt, den man mir entgegenbrachte. Mein Körper hatte sich in den Wochen zwischen den Jobs natürlich noch nicht wieder ganz erholt, deswegen war ich weiterhin öfter krank. Aber auch hier wurde ich weder kritisiert noch verurteilt, sondern unterstützt und man hat sich eher gesorgt. Erfolge wurden zusammen gefeiert, man wuchs gemeinsam an den Herausforderungen und jeder war für jeden greifbar. Wir unterstützten uns gegenseitig und die Stimmung war super.

Es war toll die Entwicklung mitzuverfolgen, seinen Beitrag dazu zu leisten und zu sehen wie die Firma immer weiter wächst. Ich weiß nicht was das Geheimnis war, aber jeder neue Mitarbeiter hat sich perfekt eingefügt, obwohl wir alle starke Persönlichkeiten und teils wirklich unterschiedlich waren. Irgendwann zogen wir dann auch in ein neues Büro und hatten eine tolle Dachterrasse, auf der wir im Sommer noch länger verweilten. Ich nahm keine Arbeit mit nach Hause – außer im Kopf. Ich pflegte meine sozialen Kontakte und nahm mir auch Zeit für mich.

Du denkst vielleicht: wow Jackpot! Ja ich damals auch. Mit dem Wachstum der Firma, wuchs auch der Kundenstamm. Irgendwann kam ich nicht mehr dazu die Prozesse zu optimieren, sondern war nur noch mit der Betreuung der Neukunden beschäftigt. Ich machte immer häufiger Mittagspause am Platz und nicht mehr mit den anderen in der Küche. Mein Terminkalender wurde immer voller. Das war danna uch der Zeitpunkt, an dem ich begann nachzufragen, wann den in meinem Bereich neue Mitarbeiter eingestellt werden? Ich wurde vertröstet. Es wurden immer mehr Kunden, die Arbeit staute sich immer weiter auf, obwohl ich weiterhin Vollgas gab.

Ich hing immer mehr in Terminen fest, war kaum noch am Platz, sondern in Meetingräumen und dadurch wurde ich immer weiter isoliert. Es kam wie es kommen musste: ich erreichte wieder den Punkt, an dem ich komplett ausgelaugt war, komplett überarbeitet und neben der Spur. Ich wollte aber nicht wieder in die selbe Situation rutschen und mein Privatleben vernachlässigen. Deswegen knallte ich mir auch die Abende mit Treffen mit Freunden oder der Familie voll. Irgendwann führte ich den „Gollum-Sonntag“ als Tag für mich selbst, an dem ich nicht erreichbar bin, ein. Da ich aber zum Ausgleich auch wieder viel feierte, lag ich an dem Tag meistens im Bett oder auf der Couch. Ich war müde.

An Weihnachten saß ich bei meiner Familie. Sie unterhielten sich. Ich konnte nicht hören, was sie sagten. Ich war nur noch apathisch, nur noch körperlich anwesend. Im Januar habe ich in einem Gespräch mit meinen Vorgesetzten gesagt, dass ich so nicht mehr arbeiten kann, dass ich emotional und körperlich an meinen Grenzen bin und ich bald zusammenbrechen werde. Zwei Monate später bekam ich Unterstützung. Aber es war zu spät. Ich sammelte noch mal alle übrigen Kräfte. Und dann fiel ich in den Abgrund.

Der Sturz in den Abgrund

Es war Mitte Juli, ein schöner Sommertag. Ich hatte am nächsten Tag meinen 29. Geburtstag. Abends war eine kleine Party im Biergarten mit meinen Freunden geplant. Dafür war ich einkaufen und kam auf die Idee: ich sollte noch etwas für meine Kollegen backen. Zuhause fing ich dann damit an. Ich habe immer gern gebacken – vor allem in meiner Kindheit/Jugend. Dadurch, dass meine Küche sehr klein ist und man wenig Platz hat, habe ich irgendwann damit aufgehört. Du musst wissen, dass ich auch ganz gut backen kann. An diesem Tag war ich mit den Gedanken direkt schon wieder weiter und wo anderes und erwischte Pfeffer statt Zimt, weil die direkt nebeneinander standen.

Ich wurde wütend! Was kann ich denn eigentlich? Nicht einmal so einen beschissenen Kuchen bekomme ich hin! Ich bin dumm, ich bin ein Nichts und wertlos. Ich schnappte mir die Schüssel, kippte den Teig ins Klo und setzte mich mit der Flasche Wein auf den Balkon. Dort telefonierte ich mit ein paar Freunden und machte Witze über meine Tollpatschigkeit. Ich wollte in diesem Moment nicht alleine sein. Ich habe gemerkt, dass etwas in mir zerbrochen ist. Irgendwann saß ich dann doch alleine da. Rauchte eine Zigarette nach der anderen und trank die Flasche und noch eine weitere leer. Innerlich war ich auch leer.

Am anderen Tag stand ich auf, um mich fertig zu machen. Ich ging ins Bad. Und kam auf dem Boden wieder zu mir. Ich zog mich hoch, setzte mich kurz hin – ich habe seit der Pubertät im Sommer Kreislaufprobleme, daher war das nichts Ungewöhnliches. Ich ging in den Flur, wollte zu meinem Handy. Irgendwann kam ich dort wieder zu mir. Alles was ich dann erstmal noch schaffte, war mich krank zu melden, den Abend abzusagen und mich ins Bett zu schleppen. Nachdem ich dann Mittags beim Arzt (er hatte mich den Rest der Woche krank geschrieben) und wieder in der Wohnung war, kroch ich direkt in mein Bett. Ich wollte sterben. Ich war leer. Ich habe mich geschämt. Ich konnte nicht einmal weinen. Ich hatte keine Kraft noch einmal aufzustehen. Ich wollte einfach nicht mehr existieren….

Was war passiert? Ich bin schön die Burn-Out Leiter hochgeklettert:

Meine ersten Schritte Richtung Burnout

Ich möchte dir gerne etwas über mich und meinen Weg erzählen. Keine Angst, ich werde nicht mit meiner Kindheit anfangen, sondern werde dich direkt bei meinen ersten großen Schritt ins „Erwachsenen-Leben“ – und auch den ersten Schritt Richtung Burnout – abholen.

Abi – und jetzt?

Damals stand mir gefühlt die Welt offen und ich konnte endlich frei und unabhängig sein. Ich hatte mein Abi endlich geschafft – keine Schule mehr, keine Vorschriften, kein Zwang! Endlich frei! Dachte ich zumindest.

Natürlich war ich jetzt frei, aber was ist der nächste Schritt? Wie wird es jetzt weiter gehen? Was mache ich? Studieren wollte ich nicht, ich hab ja schließlich lange genug gelernt, Prüfungen abgelegt und mich in Lehrbüchern vergraben. Das wäre ja genau das selbe, was ich jetzt hatte. Nein ich werde eine Ausbildung machen und wenn ich will, kann ich ja später immer noch studieren.

Also was mache ich jetzt? In meiner Ratlosigkeit habe ich Beruftests zu Stärken und Schwächen durchgeführt, ich habe Broschüren vom Arbeitsamt durchgeblättert, habe mich umgehört, was die Pläne der anderen sind,… Aber irgendwie nichts Passendes gefunden. Sooo schwer kann das doch nicht sein! Langsam fragen schon alle, was ich jetzt tun werde und ich schäme mich tatsächlich ein bisschen, weil ich gar so planlos bin… Meine Mutter fragt mich eines Tages beim Frühstück: „Sagmal was kannst du eigentlich?“

Du darfst das jetzt nicht falsch verstehen – das war keine böse Frage! Nein sie fragt es ganz sachlich und ruhig und ich werde nachdenklich. Ich kann gut lesen. Ich mag Bücher. Hab ich da nicht was über eine Ausbildung zur Buchhändlerin gelesen? Und dann geht es Ratzfatz: Bewerbungen schreiben, Vorstellungsgespräche, Probearbeiten und da habe ich meinen ersten Job. 250km von zu Hause weg, endlich frei und raus aus dem Dorf – rein in die Stadt! Na gut, keine Großstadt, aber immerhin 70.000 Einwohner. Ich habe mir meine erste eigene Wohnung gesucht und bin innerhalb von einem Monat umgezogen.

Learning by Doing…

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Neue Herausforderungen

Mit dem Schritt in den neuen Lebensabschnitt, kommen automatisch neue Herausforderungen auf dich zu. In meinem Fall waren das sowohl berufliche, als auch soziale und organisatorische. Wenn du das erste Mal umziehst, gibt es einiges an Papierkram zu erledigen und zu beachten – damit möchte ich mich an der Stelle aber nicht weiter aufhalten – Google hilft 😉

Herausforderung Nummer 1 : Freunde finden!

Ich kannte wirklich niemanden in der neuen Stadt. Natürlich fehlen dann die sozialen Kontakte. Nun hatte ich ein Problem: meine Arbeitskollegen waren alle älter als ich. Ich verstand mich zwar gut mit Ihnen, aber man hatte dann doch etwas unterschiedliche Interessen. Nachbarn schieden auch aus – ich wohnte in einem Gebäudekomplex voller Rentner.
Alleine losziehen und Leute ansprechen? Natürlich das wäre logisch – aber sei ehrlich: das ist gar nicht so einfach… Wo macht man das am Besten? Im Supermarkt? Was soll ich denn dann überhaupt sagen?
Ich bin ganz ehrlich, es kam nicht nur einmal vor, dass ich aufgestylt in meiner Wohnung saß und dann wieder gekniffen habe. Es war frustrierend! Aber wie es der Zufall so will, dann doch einfach. Ich kam mit einer der Schüler-Aushilfen an unserer Kasse ins Gespräch. Sie lud mich direkt ein, mit ihr und ihren Freunden abends etwas zu unternehmen. Darüber habe ich dann wieder neue Leute kennengelernt…. Somit konnte ich einen neuen Freundeskreis schaffen.

Herausforderung Nummer 2 : Haushalt führen!

Natürlich habe ich meine Mutter schon als Kind dabei viel unterstützt und wusste was ich zu tun hatte. Aber wie bekomme ich das parallel zur Arbeit geregelt? Ohne Aufgaben aufzuteilen? Das ist gar nicht so einfach. Und Freizeit willst du ja auch haben. Ich habe versucht mich ein wenig selbst zu disziplinieren und z.B. nur wenig Geschirr angeschafft, damit ich einfach abspülen muss, weil nichts mehr da ist. Ein Abend kochen, am nächsten Reste essen und abspülen, parallel lief die Wäsche,… Also auch hier habe ich einen guten Weg gefunden mich zu organisieren und diesen Bereich in mein neues Leben einzubauen.

Herausforderung Nummer 3 : Der Job!

Einen neuen Job zu beginnen, bringt auch neue Aufgaben und Herausforderungen mit sich. Du kennst das natürlich – gerade am Anfang kommt man abends total erschöpft nach Hause und will nur noch ins Bett. Mit der Zeit kennt man den Tagesablauf und die Aufgaben und es fällt immer leichter.


Du siehst, ich hatte alles soweit gut im Griff und mir einen guten Alltag zusammengebaut.
Mein Problem war: ich wollte mehr! Ich wollte alles super machen, alles perfekt, keine Fehler. Habe ich einen Fehler gemacht, habe ich mich direkt ertappt, schuldig und unwohl gefühlt und bin rot angelaufen. Den Fehler mache ich nicht noch einmal… Du denkst jetzt vermutlich: Hey ist doch nicht schlimm, Fehler passieren, du lernst das doch gerade erst alles. Jetzt sehe ich das natürlich genauso. Mein 19-Jähriges Ich aber nicht.

Selbstmanipulation

Gerade im Job habe ich alles geben wollen. Also habe ich mich noch mehr angestrengt, mehr reingearbeitet, versucht alles ganz schnell zu verstehen, perfekt zu können,… Im Gegenzug war mir Feedback ganz wichtig. Ich will gelobt werden, ich möchte die Anerkennung und auf meine Leistung stolz sein. Schließlich definieren wir uns ja über die Arbeit. Oder? Wir leisten einen Beitrag zur Gesellschaft, wir verdienen Geld damit und wir verbringen dort die meiste Zeit. Natürlich habe ich mich noch über meine Aufgaben hinaus engagiert: ich habe nach neuen Ideen und Verbesserungen gesucht. Nach Wegen um Abläufe zu vereinfachen und zu optimieren, um noch schneller sein zu können.

Ja ich war „nur“ eine Auszubildende, aber ich war auch ehrgeizig und zielorientiert – ich will ja schließlich Karriere machen. Man könnte erwarten, dass ein Chef sich über so ein fleißiges Arbeiterbienchen freut. Meiner nicht. Im Gegenteil: er hat mich nicht Ernst genommen, die Ideen als seine eigenen ausgegeben und mich nur belächelt. Das war sehr frustrierend und enttäuschend für mich. Ich wurde wütend, ich habe mir den Kopf darüber zerbrochen, was ich anders – noch besser – machen kann. Du schüttelst jetzt vielleicht den Kopf und denkst dir das selbe wie ich heute: Mensch Mädel, enstpann dich!

Spirale abwärts

Nein ich habe nicht entspannt. Mir ging es schlechter. Ich habe zum Ausgleich viel gefeiert, ich habe die Wohnung vernachlässigt, habe mich zurückgezogen und wurde immer ruhiger. Und traurig.

Das haben meine Freunde und meine Familie natürlich auch gemerkt: ich kann mich zwar gut verstellen und auch schauspielern, aber einen Oscar werde ich sicher nie verdienen.
Ich bekam Probleme mit dem Magen, verlor an Appetit und hatte gefühlt jeden Tag vor der Arbeit Durchfall. Ich war häufiger krank und kam morgens immer schwerer aus dem Bett.

Dass mein Chef die Buchhandlung umbaut und dort eine Lotto-Stelle mit aufnimmt, hat die Sache auch nicht besser gemacht. Unsere Kundschaft änderte sich dementsprechend. Plötzlich muss ich mich von Kunden auch noch beschimpfen lassen. Ich stand fast nur noch an der Kasse – oder am Lottostand. Die Arbeit, die ich so gern gemacht habe, wurde mir immer mehr zur Last. Es wurde eintönig. Ich war unterfordert und frustriert. Auch meine Kollegen wurden immer verbitterter, haben gegeneinander gestichelt. Es ging sogar in Mobbing über. Und das bei intelligenten, erwachsenen Menschen. Neeee du, das reicht mir jetzt!

Kratz die Kurve!

Die Suche nach dem Ausweg

Zitat Banksy

Was mache ich also? Hier gibt es keine Perspektiven für mich und nein, ich muss mich nicht so behandeln lassen. Ahhhh warte: ich kann doch studieren! Aber was? Und wo? Und ich kann doch meine Ausbildung nicht abbrechen oder? Dann stellt mich doch später niemand ein. Die Leute werden denken, ich gebe auf, ich habe versagt, ich war nicht gut genug.
Ich war mir also sehr unsicher. Ich musste eine Entscheidung fällen, aber wie soll ich mich entscheiden? Und ich hatte viel Glück: ich hatte meine Familie und ich hatte meine Freunde.

Ich weiß nicht, ob ich damals den Mut und die Kraft gehabt hätte, den Schritt den ich dann gegangen bin auch alleine zu gehen. Du musst bedenken ich war erst süße 20 Jahre alt – da lässt man sich noch viel vom Umfeld und den Meinungen anderer beeinflussen. Du nicht? Ganz ehrlich nicht? Ich bin stolz auf dich! Und du kannst auch stolz auf dich sein!

Neue Sicherheiten schaffen

Was habe ich jetzt getan? Ich habe mich zuerst mit einer Beraterin vom Arbeitsamt getroffen (hör bitte nicht auf die Vorurteile, da arbeiten Menschen und keine Teufel!).
Ich habe mit ihr über meine Ängste und Sorgen gesprochen, was das für Auswirkungen auf meine berufliche Zukunft haben kann. Wir haben alles einmal rational und mit Abstand betrachtet und legitime Gründe gefunden, die für einen Ausbildungsabbruch gesprochen haben. Dadurch war ich mir in der Entscheidung sicher, dass ich die Ausbildung vorzeitig beenden werde.
Das wäre also erledigt.

Der nächste Schritt war es, einen Studienplatz zu finden. Die Bewerbungsfristen für Fachhochschulen habe ich verpasst. Für ein Psychologiestudium war mein Abi zu schlecht. Kunstgeschichte – verdammt ich kann mir keine Zahlen merken… Hm ok ich liebe Bücher immer noch, aber Verlagswesen ist zu speziell. Also was mit Wirtschaft, damit steht mir danach doch wieder die Welt offen… Also fing ich an mich fleißig zu bewerben.

Zieh es durch!

Erstmal kam eine Absage nach der anderen. Und dann endlich eine Zusage! Ich kann Medienwirtschaft studieren. Aber kann ich das wirklich? Gehe ich diesen Schritt? Wie soll ich das denn kommunizieren, dass ich kündig? Und dann muss ich hier weg, wieder umziehen, wieder ganz neu anfangen.

Als ich jetzt vor der finalen Entscheidung stand, kamen wieder neue Zweifel und Unsicherheiten auf. Aber mir war klar, dass ich diesen Weg gehen muss. Naja ich kann dir jetzt erzählen, dass ich die Schultern gestrafft habe, ins Büro meines Chefs gerannt bin und ihm die Kündigung hingeknallt habe. Aber das habe ich nur innerlich.

Tatsächlich war der finale Schritt für mich wirklich schwer. Es war schließlich eine lebensverändernde Entscheidung. Innerlich habe ich sie natürlich längst getroffen, aber nun musste ich es noch durchziehen. Du glaubst gar nicht wie befreit ich danach war! Ich konnte wieder lachen, ich war entspannt, ich habe meinen Job bis zum letzten Tag gemacht – aber ich habe mir nicht mehr den Arsch aufgerissen.

Ich bin erstmal wieder nach Hause gezogen. Dann ging es wieder von vorne los: Wohnung suchen, bürokratischen Papierkram erledigen,… Da ich schon einmal komplett bei Null angefangen hatte, hatte ich keine Angst und keine größeren Bedenken dabei, dass ich wieder einen Neustart hinlege. Im Gegenteil, ich war erfüllt mit der Vorfreude! Mit dieser positiven Nervosität, die das Herz flattern lässt, weil du dich ganz und gar auf etwas Neues, etwas Unbekanntes einlässt.

Dankbarkeit

Linde daheim

Ich danke meinen Freunden und meiner Familie für Ihre Unterstützung. Ich danke dafür, diesen Weg gegangen zu sein. Für die Herausforderungen und Erlebnissen, an denen ich wachsen konnte. Und ich danke dir für’s Zuhören!

Wenn du Fragen hast oder Anmerkungen oder vielleicht deine eigene Geschichte erzählen möchtest, melde dich gerne bei mir!

Zusatz

Was ist aus psychologischer Sicht in dieser Geschichte tatsächlich passiert? Wenn du wissen möchtest, wie ich aus heutiger Sicht darüber denke und was für eine Rolle sie für mein Happy Burnout spielt: ich werde einen Beitrag aus distanzierter Sicht dazu schreiben und hier dann verlinken – hab etwas Geduld mit mir 😉

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