Fünf Jahre lang bin ich auf den Abgrund zugesteuert und habe mich immer wieder fangen können. Bis zu meinem 29. Geburtstag. Dann kam der Sturz in den Abgrund und nichts und niemand konnte mich mehr davon abhalten. Auch konnte mich keiner auffangen – außer mir selbst.

Der Weg zum Abgrund

Traumjob oder Albtraum?

Ich hatte ein Praktikum nach dem Studium beendet und war jetzt auf Jobsuche. Die letzten Wochen war ich arbeitslos gemeldet und habe Arbeitslosengeld 2 bezogen. Ich war ziemlich verzweifelt und verloren und habe mich dementsprechend der Situation angepasst. Ich war Harzer, warum nicht auch nach dem Klischee handeln? Feiern bis morgens, ausschlafen bis zum Nachmittag, Stellensuche, Bewerbung schreiben, fertig machen und auf ins Nachtleben,…. Es war ein Teufelskreis und ich habe mich meinem Bild von einer Arbeitslosen angepasst. Natürlich war mir bewusst, dass ich mich nicht so gehen lassen sollte und selbst für mein Tun verantwortlich bin.

Nach zwei Monaten Suche, einigen Bewerbungsgesprächen und etlichen Absagen war es so weit: ich hatte ein Vorstellungsgespräch zur Account Managerin, welches ziemlich gut lief und bei dem ich ein richtig gutes Gefühl hatte. Dementsprechend habe ich mich auch gefreut, als der Anruf mit der Zusage kam. Nach ein paar Verhandlungen bezüglich Gehalt habe ich zugestimmt und direkt in der nächsten Woche angefangen. Mir war klar, dass ich unterbezahlt werde, viel verlangt wird und ich auch viel auf mich allein gestellt sein werde – immerhin war es ja ein Start-up. Aber gleichzeitig würde ich viel Verantwortung tragen, kann Ideen einbringen und zeigen was ich drauf habe!

Die ersten Monate dachte ich, ich hätte einen Traumjob gefunden. Die Kollegen waren super und ich habe mich mit allen sehr gut verstanden. Ok die Anrufe der Kunden während man etwas anderes tat waren etwas störend, aber gehört eben dazu. Auch, dass man regelmäßig Überstunden macht – die anderen bleiben ja auch noch da. Ich gab 120% und ging komplett in meinem Beruf auf. Ich liebte die Herausforderungen, den Wettbewerb und den Teamgeist. Dieser positive Stress, das Gefühl wichtig zu sein und natürlich einen Job zu haben, trieben mich immer weiter an. Auch nach der Arbeit saßen wir oft noch zusammen, haben über Gott und die Welt (hauptsächlich unsere Arbeit) gesprochen und ein bis drei Bierchen getrunken. Jeder, der diesen Start-up Spirit schon einmal erlebt hat, weiß sicher genau wovon ich spreche. So lässt man sich immer tiefer in den Sog ziehen und wird immer blinder für die Realität.

Wie es der Zufall wollte, bekam ich nach vier Monaten zusätzlich auch noch ein neues, wichtiges Projekt zugeteilt. Ein neues Sofware-Produkt! Meine Aufgabe war es Prozesse dazu auszuarbeiten, zu überlegen, wie man es den Kunden am Besten erklärt, erster Ansprechpartner bei Fragen zu sein und mich intensiv mit unserem Partnerunternehmen auszutauschen. Ich möchte dich nicht weiter mit Details bequatschen – kurz: mein Wunsch wurde wahr! Ich war nun mehr oder weniger komplett auf mich alleine gestellt und habe natürlich wieder volle Power gegeben. Dass mein Sozialleben darunter litt, war mir erstmal nicht so wichtig. Immerhin hatte ich jetzt mehr Verantwortung und eine neue Priorität.

Was mir nicht klar war, als man mir das Angebot machte, die Stelle zu übernehmen und ich natürlich hoch erfreut angenommen habe: meinen normalen Job sollte ich trotzdem weiter ausüben. Ja, du hast es richtig gelesen – ich hatte jetzt zwei Jobs parallel. Wie du dir vorstellen kannst lief das nicht lange gut. Nachdem ich immer wieder betont habe, dass ich das so nicht mehr stemmen kann, hat man mich gnädigerweise nach und nach von meinen alten Aufgaben abgezogen, damit ich neue übernehmen konnte.

Das heißt: ich war quasi raus aus meinem alten Team. Durch den Wachstum der Firma, kamen natürlich auch nach und nach neue Mitarbeiter dazu und es haben sich Grüppchen und leider auch eine Hackordnung gebildet. Ich kam mir irgendwann wieder vor wie in der Schule. Es wurden neue Bonussysteme eingeführt, die den Teamgeist zerstört haben, wodurch sich die Stimmung nach und nach immer mehr veränderte. Motivationssprüche wurden zu leeren Floskeln. Es wurde teils gegeneinander statt miteinander gearbeitet. Gehälter wurden nicht mehr pünktlich bezahlt, die Gehaltsverhandlungen und Feedback-Gespräche waren ein Scherz und ich war mittlerweile chronisch überarbeitet. Nach zweimonatigem Kampf bekam ich endlich Unterstützung und war nun selbst verantwortlich für ein kleines Team.

Natürlich hatte ich keinerlei Führungserfahrung und leider auch keinen richtigen Ansprechpartner bzw. keine Person, die ich mir als Vorbild nehmen konnte. Ich wusste allerdings, wie ich nicht führen wollte… Also habe ich mich selbst versucht in die neue Rolle einzufügen und bin dabei sehr angeeckt. Man drängte mich dazu mich für einen Führungsstil zu entscheiden. Ich weigerte mich. Auch jetzt bin ich noch der Überzeugung, dass man in einem Team nicht alle Personen gleich leiten kann. Jeder hat seinen eigenen Charakter und demnach muss man den einen eben strenger behandeln, den anderen mehr kontrollieren, der nächste braucht Freiraum und ein anderen Vorgaben bis ins kleinste Detail,…. Somit ergab sich jetzt folgendes Problem: die anderen Führungskräfte akzeptierten meinen Führungsstil nicht, meine Vorgesetzten setzten mich mit unrealistischen Vorgaben und Zielen unter Druck und mein Team hat meine Unerfahrenheit teils natürlich ausgenutzt.

Neben der Teamführung war ich selber dann auch noch im Tagesgeschäft wie ein normaler Vollzeit-Mitarbeiter tätig. Ich hatte also wieder zwei Jobs parallel. Ich begann die Arbeit also auch mit nach Hause zu nehmen. Während ich meine Freunde traf, war ich gedanklich bei der Arbeit, checkte unterbewusst sogar manchmal E-Mails und hatte auch kein anderes Gesprächsthema mehr. Mein Lebensinhalt war die Arbeit und mein Projekt. So hat sich nach und nach dann auch mein Freundeskreis verändert. Er bestand hauptsächlich noch aus Arbeitskollegen. Ich kann jeden verstehen, der sich damals abgewandt hat und genervt war. Für Kritik oder Ratschläge war ich taub. Die Person wusste ja nicht wie es mir geht und wovon sie da überhaupt spricht…

Das ganze zog sich insgesamt fast zwei Jahre. Ich rutschte immer tiefer in den Strudel, war immer häufiger krank, habe an den Wochenenden gearbeitet, mir kaum Auszeiten gegönnt. In meiner „Freizeit“ habe ich viel getrunken und gefeiert, krampfhaft versucht meinen Kopf auszuschalten und die Müdigkeit und schlechten Gedanken zu verdrängen. Ich wurde immer negativer, unzufriedener und gestresster. Bei Kleinigkeiten ging ich an die Decke. An Weihnachten saß ich eine Woche lang mit Fieber im Büro, weil ich meinem Kollegen frei gegeben hatte und sonst niemand die Arbeit übernehmen konnte. Ich habe meine ganze Energie und mein Herzblut in das Projekt gesteckt.

Immer wieder habe ich gesagt, dass ich kündigen muss, dass ich so nicht mehr weitermachen kann. Aber ich habe es nie getan. Wer sollte sich denn sonst um mein Team kümmern? Ich kann sie doch nicht einfach so hängen lassen. Auch mehr Gehalt und Ausgleichstage für Wochenendarbeiten haben den Reiz für mich verloren. Ich konnte sowieso nicht länger als eine Woche frei nehmen, weil sonst alles zusammengebrochen wäre – zumindest redete ich mir das ein.

Die Erlösung

Nach zwei Jahren war es dann soweit: das Projekt wurde eingestampft. Ich war frei. Und ich bin trotzdem geblieben. Nach all den Enttäuschungen, all der angestauten Wut, zu vielen leeren Versprechungen und der Ausbeutung, hatte ich immer noch nicht die Kraft zu gehen. Ich brauchte noch zwei weitere Monate bis ich endlich den Schlussstrich ziehen konnte und gekündigt habe. Ich klammerte mich so an den schönen Erlebnissen, den Kollegen, der Verantwortung fest, dass ich einfach nicht mehr loslassen konnte. Das Projekt war für mich wie ein eigenes Kind – und so lebte ich dann auch. Ich habe gekündigt, obwohl ich keinen anderen Job hatte. Ich hatte keine Energie mehr, keine Kraft, kaum noch Emotionen. Ich war nur noch eine Hülle und das wusste ich auch.

Ich hatte sowieso einen Monat Resturlaub und daher genug Zeit, mir etwas neues zu suchen. Der Monat war schnell vorbei – die meiste Zeit habe ich geschlafen und entspannt. Bereits vor meiner offiziellen Kündigung hat mich ein Ex-Kollege angeschrieben, dass er eine super Stelle für mich hätte, ob ich denn nicht mal vorbeikommen wollte.

Da ich ja nichts zu tun bzw zu verlieren hatte, besuchte ich ihn und war total begeistert: alle super nett und aufgeschlossen. Ein respektvoller Umgang, ein junges Team, sehr sympathische Gründer (ja klar war das wieder ein Start-up, was dachtest du denn?), ein kuscheliges Büro 15 Minuten zu Fuß von meiner Wohnung weg,….

Und täglich grüßt das Murmeltier…

Ich nahm die Stelle an. Sicher verdiente ich weniger als zuvor, es ist ja ein kleines Start-up. Ich wurde eingestellt mit dem Ziel, den Onboarding-Bereich für die Kunden aufzubauen und zu betreuen. Man wollte den Bereich auch schnell weiter ausbauen, das heißt man stellte mir direkt eine Beförderung in Aussicht. Denkst du ich hätte dazugelernt? Genau: nein! Ich glaubt den ganzen tollen Versprechungen und ließ mich wieder vom Start-Up-Schimmer blenden. Ich hatte im Kopf wie wunderbar meine Anfangszeit im letzten Unternehmen war und wollte genau das wiederhaben. Und ich verrate dir: es war noch viel besser!

Schnell habe ich mich wieder mit Kollegen angefreundet, obwohl ich dieses Mal Arbeit und Beruf strikt trennen wollte. Ich habe direkt wieder Gas gegeben – aber mich an die Arbeitszeiten gehalten. Hier war auch alles geregelter. Ja natürlich hat man nach Start-up Manier auch abends zusammen ein Bierchen getrunken. Aber nur eins und danach sind alle spätestens um halb 7 nach Hause. Es war eine wunderbare Zeit. Ich hatte viel Freiraum, genoss das Vertrauen und den Respekt, den man mir entgegenbrachte. Mein Körper hatte sich in den Wochen zwischen den Jobs natürlich noch nicht wieder ganz erholt, deswegen war ich weiterhin öfter krank. Aber auch hier wurde ich weder kritisiert noch verurteilt, sondern unterstützt und man hat sich eher gesorgt. Erfolge wurden zusammen gefeiert, man wuchs gemeinsam an den Herausforderungen und jeder war für jeden greifbar. Wir unterstützten uns gegenseitig und die Stimmung war super.

Es war toll die Entwicklung mitzuverfolgen, seinen Beitrag dazu zu leisten und zu sehen wie die Firma immer weiter wächst. Ich weiß nicht was das Geheimnis war, aber jeder neue Mitarbeiter hat sich perfekt eingefügt, obwohl wir alle starke Persönlichkeiten und teils wirklich unterschiedlich waren. Irgendwann zogen wir dann auch in ein neues Büro und hatten eine tolle Dachterrasse, auf der wir im Sommer noch länger verweilten. Ich nahm keine Arbeit mit nach Hause – außer im Kopf. Ich pflegte meine sozialen Kontakte und nahm mir auch Zeit für mich.

Du denkst vielleicht: wow Jackpot! Ja ich damals auch. Mit dem Wachstum der Firma, wuchs auch der Kundenstamm. Irgendwann kam ich nicht mehr dazu die Prozesse zu optimieren, sondern war nur noch mit der Betreuung der Neukunden beschäftigt. Ich machte immer häufiger Mittagspause am Platz und nicht mehr mit den anderen in der Küche. Mein Terminkalender wurde immer voller. Das war danna uch der Zeitpunkt, an dem ich begann nachzufragen, wann den in meinem Bereich neue Mitarbeiter eingestellt werden? Ich wurde vertröstet. Es wurden immer mehr Kunden, die Arbeit staute sich immer weiter auf, obwohl ich weiterhin Vollgas gab.

Ich hing immer mehr in Terminen fest, war kaum noch am Platz, sondern in Meetingräumen und dadurch wurde ich immer weiter isoliert. Es kam wie es kommen musste: ich erreichte wieder den Punkt, an dem ich komplett ausgelaugt war, komplett überarbeitet und neben der Spur. Ich wollte aber nicht wieder in die selbe Situation rutschen und mein Privatleben vernachlässigen. Deswegen knallte ich mir auch die Abende mit Treffen mit Freunden oder der Familie voll. Irgendwann führte ich den „Gollum-Sonntag“ als Tag für mich selbst, an dem ich nicht erreichbar bin, ein. Da ich aber zum Ausgleich auch wieder viel feierte, lag ich an dem Tag meistens im Bett oder auf der Couch. Ich war müde.

An Weihnachten saß ich bei meiner Familie. Sie unterhielten sich. Ich konnte nicht hören, was sie sagten. Ich war nur noch apathisch, nur noch körperlich anwesend. Im Januar habe ich in einem Gespräch mit meinen Vorgesetzten gesagt, dass ich so nicht mehr arbeiten kann, dass ich emotional und körperlich an meinen Grenzen bin und ich bald zusammenbrechen werde. Zwei Monate später bekam ich Unterstützung. Aber es war zu spät. Ich sammelte noch mal alle übrigen Kräfte. Und dann fiel ich in den Abgrund.

Der Sturz in den Abgrund

Es war Mitte Juli, ein schöner Sommertag. Ich hatte am nächsten Tag meinen 29. Geburtstag. Abends war eine kleine Party im Biergarten mit meinen Freunden geplant. Dafür war ich einkaufen und kam auf die Idee: ich sollte noch etwas für meine Kollegen backen. Zuhause fing ich dann damit an. Ich habe immer gern gebacken – vor allem in meiner Kindheit/Jugend. Dadurch, dass meine Küche sehr klein ist und man wenig Platz hat, habe ich irgendwann damit aufgehört. Du musst wissen, dass ich auch ganz gut backen kann. An diesem Tag war ich mit den Gedanken direkt schon wieder weiter und wo anderes und erwischte Pfeffer statt Zimt, weil die direkt nebeneinander standen.

Ich wurde wütend! Was kann ich denn eigentlich? Nicht einmal so einen beschissenen Kuchen bekomme ich hin! Ich bin dumm, ich bin ein Nichts und wertlos. Ich schnappte mir die Schüssel, kippte den Teig ins Klo und setzte mich mit der Flasche Wein auf den Balkon. Dort telefonierte ich mit ein paar Freunden und machte Witze über meine Tollpatschigkeit. Ich wollte in diesem Moment nicht alleine sein. Ich habe gemerkt, dass etwas in mir zerbrochen ist. Irgendwann saß ich dann doch alleine da. Rauchte eine Zigarette nach der anderen und trank die Flasche und noch eine weitere leer. Innerlich war ich auch leer.

Am anderen Tag stand ich auf, um mich fertig zu machen. Ich ging ins Bad. Und kam auf dem Boden wieder zu mir. Ich zog mich hoch, setzte mich kurz hin – ich habe seit der Pubertät im Sommer Kreislaufprobleme, daher war das nichts Ungewöhnliches. Ich ging in den Flur, wollte zu meinem Handy. Irgendwann kam ich dort wieder zu mir. Alles was ich dann erstmal noch schaffte, war mich krank zu melden, den Abend abzusagen und mich ins Bett zu schleppen. Nachdem ich dann Mittags beim Arzt (er hatte mich den Rest der Woche krank geschrieben) und wieder in der Wohnung war, kroch ich direkt in mein Bett. Ich wollte sterben. Ich war leer. Ich habe mich geschämt. Ich konnte nicht einmal weinen. Ich hatte keine Kraft noch einmal aufzustehen. Ich wollte einfach nicht mehr existieren….

Was war passiert? Ich bin schön die Burn-Out Leiter hochgeklettert: